
Systemsprenger: Liegt es am Jugendlichen oder am System?
Sind es wirklich die Jugendlichen, die „das System sprengen“ – oder scheitert das System an ihnen? Diese Frage stellen sich viele Fachkräfte, die in Wohngruppen, Intensivpädagogik oder ambulanten Hilfen arbeiten. Fast jede Einrichtung kennt junge Menschen, die von einer Hilfe zur nächsten wandern und überall nach kurzer Zeit wieder gehen müssen.
Die kurze Antwort: „Systemsprenger“ beschreibt kein Merkmal eines Jugendlichen, sondern einen Verlauf. Er entsteht im Zusammenspiel zwischen einem jungen Menschen mit großer Not und einem Hilfesystem, das auf diese Not nicht passend antworten kann. Was hilft, sind Beziehungskontinuität, flexible Hilfen und Teams, die nicht aufgeben.
ADHS Pädagogik ist ein pädagogisches Konzept für die Erziehung von Kindern mit ADHS – entwickelt von Julian Fricke. In der Arbeit mit Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen spielt dieses Thema eine große Rolle, denn viele von ihnen bringen ADHS, belastende Erfahrungen und zahlreiche Beziehungsabbrüche mit.
Woher der Begriff kommt
Der Begriff „Systemsprenger“ ist in der Jugendhilfe weit verbreitet, spätestens seit dem gleichnamigen Kinofilm von 2019. Der Sonderpädagoge Menno Baumann hat dazu intensiv geforscht. Sein Befund: Die Jugendlichen sprengen nicht einfach ein System. Vielmehr scheitern junger Mensch und Hilfesystem aneinander, und jeder Abbruch macht den nächsten wahrscheinlicher.
Der Teufelskreis der Abbrüche
Viele dieser Jugendlichen haben früh erlebt, dass Erwachsene nicht verlässlich sind. Wenn sie dann in einer Einrichtung durch herausforderndes Verhalten auffallen und die Hilfe beendet wird, bestätigt sich ihre Erfahrung: Am Ende gehen alle. Das Vertrauen in Erwachsene sinkt weiter, das Verhalten wird schwieriger, und die nächste Einrichtung hat noch weniger Chancen.
- Erfahrung: Erwachsene sind nicht verlässlich.
- Verhalten: testen, provozieren, weglaufen, eskalieren.
- Reaktion des Systems: Abbruch der Hilfe, Verlegung.
- Folge: Die Erfahrung bestätigt sich, das Vertrauen sinkt weiter.
Was diese Jugendlichen wirklich brauchen
Beziehungskontinuität
Der wichtigste Schutzfaktor ist eine Bezugsperson, die bleibt, auch wenn es schwierig wird. Das gilt für die Fachkraft in der Wohngruppe genauso wie für die zuständige Person im Jugendamt.
Flexible und individuelle Hilfen
Standardisierte Angebote passen oft nicht. Gebraucht werden Hilfen, die sich dem jungen Menschen anpassen: intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung nach § 35 SGB VIII, kleine Settings, flexible Stundenumfänge oder die Kombination mehrerer Hilfen.
Eine Hilfeplanung mit dem Jugendlichen
Nach § 36 SGB VIII wirken Kinder und Jugendliche an der Hilfeplanung mit. Wer erlebt, dass seine Sicht wirklich zählt, ist eher bereit, sich auf eine Hilfe einzulassen.
Teams, die zusammenhalten
Fachkräfte brauchen klare Absprachen, Krisenpläne, Fallberatung und Supervision. Nur ein Team, das sich selbst stabil fühlt, kann einem jungen Menschen Stabilität geben.
Weniger Stigmatisierung
Schon das Etikett „nicht betreubar“ verändert, wie Fachkräfte einen Jugendlichen sehen. Hilfreicher ist die Frage: Was hat dieser junge Mensch erlebt, und was braucht er jetzt?
Was Fachkräfte morgen schon tun können
- Verhalten übersetzen: Welches Bedürfnis steckt hinter der Provokation?
- Beziehung und Grenze trennen: „Das Verhalten akzeptiere ich nicht. Dich mag ich trotzdem.“
- Krisen vorbereiten: Frühwarnzeichen, Rollen und Rückzugsorte vorher festlegen.
- Nachbesprechen statt bestrafen: nach der Krise gemeinsam schauen, was beim nächsten Mal helfen kann.
- Erfolge sichtbar machen: auch kleine Fortschritte im Team und mit dem Jugendlichen benennen.
Fortbildung und Fallberatung für Ihr Team
In der Fortbildung und Fallberatung für die Jugendhilfe arbeiten wir an genau diesen Fragen: Beziehung halten, Krisen begleiten und Hilfen so gestalten, dass sie auch bei sehr schwierigen Verläufen tragen. Lesen Sie auch den Beitrag Geschlossene oder offene Unterbringung?. Alle Angebote finden Sie in der Übersicht.
Kostenlose Hilfen und persönliche Unterstützung
- Selbstchecks: in drei Minuten die eigene Situation einordnen – zu den Selbstchecks
- Mini-Elternkurs: fünf kurze Lektionen für den Familienalltag – zum Elternkurs
- Checklisten: zum Ausdrucken für Kühlschrank und Kinderzimmertür – zu den Checklisten
- Alle Angebote: Beratung, Kurse, Training und Fortbildungen – zur Übersicht
- Erstgespräch: unverbindlich, in Berlin oder online – Termin anfragen
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